Geschichte des EGG

Benennungen und Strukturen einer realistischen Schule

Dr. Hubert Freilinger - ehemals Schulleiter des EGG, verst. im Juni 2004

                             
 
Die Gründung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, die kurz vor dem Anfang des Jahres 2000 ihren 240. Geburtstag feiern konnte, war ein Auftakt für den Realismus, den kritischen und metaphysischen Realismus, für Aufklärung und Reform der Gesamtkultur, für die Gründung realistischer Lehranstalten und polytechnischer Institutionen. 1774 – ein Jahr nach der Auflösung des Jesuitenordens durch Papst Klemens IV. – hatte der Rechtslehrer Johann Adam Freiherr von Ickstatt der Akademie ein Bildungskonzept präsentiert, das sich auf Trivial- und Realschulen, Gymnasien, Lyzeen und Universitäten bezog, auf die Kopulation von Realismus und Humanismus, aber nicht umgesetzt werden konnte. 1799, nach dem Regierungsantritt des 1806 zum König aufgestiegenen Kurfürsten Maximilian IV. Joseph, wurden zwar die Real- und Bürgerschulen durch eine übergeordnete Schulordnung favorisiert, 1804 die dreikursigen Realschulen unter den Gymnasien und Lyzeen eingebunden, 1808 zu vierkursigen Anstalten aufgewertet, ab 1816 – wie der gesamte Realismus in Bayern – unterdrückt.
1833 aber, nach einem peinlichen, den Zeitgeist verteufelnden Abstand kam es unter König Ludwig I. zu neuen wissenschaftlichen Auftakten, zur Gründung von übergeordneten Polytechnischen Schulen in München, Augsburg und Nürnberg, denen die "K(öniglichen) Kreis-Landwirtschafts- und Gewerbeschulen" zugeordnet wurden. In München hat man die unter König Ludwig I. gegründete "k. Landwirthschafts- und Gewerbs-Schule des Isarkreises" dem im "noblen Damenstift" etablierten "Polytechnikum" nicht nur räumlich eingebunden, sondern auch personell durch die Übertragung des Rektorats an den 2. Vorstand der Übergeordneten Schule, den führenden Brückenkonstrukteur Friedrich August (von) Pauli. 1864 trennte man sie – wie alle Schulen ihrer Art – von der landwirtschaftlichen Abteilung und gestaltete sie entsprechend der von König Ludwig II. erlassenen "Allerhöchsten Königlichen Verordnung vom 14. Mai" zur "K. Kreisgewerbsschule" um, stilisierte sie am 29. April 1877 zur sechsklassigen Kreisrealschule. 1891, 5 Jahre nach dem Tode von Ludwig II., 23 Jahre nach dem Lebensende Ludwigs I. dekorierte sie Prinzregent Luitpold mit deren gemeinsamem "Vornamen".
Am 1. September 1907 hat dieser, der dritte Sohn König Ludwigs I., "das technisch-realistische Schulwesen in Bayern" durch die Aufwertung von 9 Realschulen zu neunklassigen Oberrealschulen – unter Einbindung der Industrieschulen als Oberstufen – für den "Wettbewerb mit den humanistischen Vollanstalten" favorisiert. In München durfte die – 1891 gegründete – Luitpold-Realschule zur Oberrealschule aufsteigen, deren Rektor 1913 wegen der "starken Zunahme der realistischen Schulen" das "Aufstocken" einer zweiten Realschule beantragte, aber keine Aussicht hatte auf Erfolg. So mußte auch die Ludwigs-Realschule ihren Status fortschreiben, wurde 1938 zur "Oberschule für Jungen an der Damenstiftstraße" umgeformt, 1946 – nach der Zerstörung des Damenstifts, ihrer architektonischen Substanz, im II. Weltkrieg – eingebunden in ihre vorherige Verfassung, Verfaßtheit, in das Wittelsbachergymnasium verlegt, nach zwei Jahren zur Oberrealschule befördert und hatte nach der Einstiegsphase eine Zweigstelle in Dachau bis zu deren "Volljährigkeit" zu betreuen. Sie durfte 1958 wie das humanistische Ludwigsgymnasium in eine großzügige, großartige, von den herausragenden Architekten Fred Angerer und Adolf Schnierle entworfene, gestaltete Schulanlage an der Fürstenrieder Straße umziehen, die allerdings so einladend war, daß sie sehr schnell zu klein wurde. Zum größten Glück für alle durften die beiden Architekten 1973 einen großen Erweiterungsbau mit wertvollen Anbindungen wie einer Turmsternwarte und Einbindungen wie einer großen Bibliothek mit zahlreichen Arbeitsplätzen, einem stilvollen Auditorium, einer einladenden Mensa und gestaltbaren Sporthallen entwerfen, exogen und endogen gestalten, am 24. Februar 1978 glanzvoll präsentieren und dann den Kollegstufen beider Schulen jubelnd übernehmen lassen.

1965 war die Ludwigs-Oberrealschule, ausgewiesen u.a. durch ein "Pädagogisches Seminar für Germanistik, Mathematik/Physik, Kunsterziehung, Turnphilologie m. Chemie, Biologie bzw. Englisch", als "Mathematisch-naturwissenschaftliche" Lehranstalt zum "Ludwigsgymnasium II" umgetauft worden. Daß die Schulleitung und das Kollegium die verbalen Substanzen des Namens der Schule akzeptierten, war naheliegend. Daß sie aber eine numerische Einstufung, Abstufung ablehnten, ergab sich aus dem Anstreben einer neuen, auf Realisten bezogenen Benennung, aus dem Diskutieren und Abstimmen über fünf durch Naturwissenschaften glanzvoll ausgewiesenen Persönlichkeiten.

Es ging um drei Astronomen, von denen zwei in die Renaissance eingebunden waren, der in Thorn geborene Nikolaus Kopernikus (Coppernicus), der das nach ihm benannte heliozentrische Weltbild erschlossen, ‚Sechs Bücher über die Umläufe der Himmelskörper‘ (De revolutionibus orbium coelesticum) verfaßt hatte und der 1571 zu Weil der Stadt geborene Johannes Kepler, welcher das kopernikanische Weltbild erweitert, vervollkommnet, vollendet hat. Als dritter war der 1787 in Straubing geborene, in München lebende Astronom (und Physiker) Joseph (von) Fraunhofer eingebunden, der dunkle (nach ihm benannte) Absorptionslinien entdeckt und erklärt, zusammen mit Guinaud qualifizierte, qualifizierende Fernrohre produziert hat. Als weitere Naturwissenschaftler hat man den 1816 in Leuthe bei Hannover geborenen Begründer der Elektrotechnik, Werner von Siemens, vorgestellt und Justus (von) Liebig, der 1803 in Darmstadt das Licht der Welt erblickt und sich – wie u.a. durch das nach ihm benannte Museum in Gießen eindrucksvoll belegt wird – in der organischen Chemie hervorragend ausgewiesen hatte.
Man wollte die Schule aus nachvollziehbaren Gründen nach Johannes Kepler benennen, mußte aber darauf verzichten, weil sich vorher schon eine andere im Ministerium darum beworben hatte. Deshalb und auch aus anderen, ästhetischen Gründen ging man auf zwei Künstler ein, auf Hans Pfitzner, einen 1869 in Moskau geborenen Musiker, Komponisten, Musikschriftsteller und weltweit ausgewiesenen Vertreter der musikalischen Romantik sowie auf Erasmus Grasser, der um 1450 in dem oberpfälzischen Schmidmühlen auf die Welt kam, seit der Mitte der 70er Jahre in München lebte, zunächst negativ eingestuft wurde und dann glanzvoll aufgestiegen ist. Daß dieser fast ein halbes Jahrtausend später zum Namengeber und Patron des Mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums in München gewählt wurde, war nicht nur richtig, sondern auch besonders glücklich, weil er sich tief eingebunden hatte in die Renaissance, eine Epoche der Wiedergeburt der klassischen, griechischen Antike, in der das Organische, Reale, das Maß aller Dinge durch die Kunst glanzvoll präsentiert und fortgeschrieben wurde. Die Wahl von Erasmus Grasser ist auch deshalb als sehr gut und sehr wirksam zu beurteilen, weil dieser – herausragend und vielseitig begabt – auf das Weltliche eingegangen ist und auf das Geistliche, Künstler war, Bildhauer und Architekt, sich darüber hinaus auch mit der Technik befaßte, dem Wasser-, Brücken- und Brunnenbau, seine Wirkungen auf andere übertragen und bis in unsere Zeit fortschreiben konnte.
Daraus ergab sich, ergibt sich eine Bewegung und Bewegtheit für Betrachtung, Forschung und Lehre. Sie wird – auf das Erasmus-Grasser-Gymnasium bezogen – durch zahlreiche Nachgestaltungen, Untersuchungen, Studien und Publikationen belegt, die in den Jahresberichten mit dem Titel "BEWAHREN UND VERÄNDERN" immer wieder begegnen, in den Annalen von 1990/91 auf über 50 Seiten, in der Festschrift zur 150-Jahr-Feier der Schule durch zahlreiche, von Schülerinnen und Schülern kreierte Graphiken, welche die Moriskentänzer präsentieren, die in der Jubiläumsausstellung von den Besuchern "angehimmelt" wurden und eine dem Leser tief berührende, hervorragend informierende Studie von Alfred Fäustle über den Namengeber und Patron.
Die Fortschreibung ergibt sich auch aus einer umfangreichen, multiperspektifisch angelegten, auf Gefühle und Erkenntnisse bezogenen, eindrucksvoll illustrierten dissertatio über Erasmus Grasser von Max Lachner, die für diesen vom EGG, in das er beruflich eingebunden war, menschlich eingebunden ist, als Festschrift zu seinem 95. Geburtstag herausgegeben wurde.
Wir sind überzeugt, daß sich diese positiven Aktivitäten und ihre Wirkungen fortsetzen werden und binden unseren Notizen (notiones communes) ein großes und großartiges, seitenlanges Zitat aus einem von Georg Lill, dem Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege verfaßten, vor 75 Jahren publizierten Buche an, das eindrucksvoll bezogen ist auf "Erasmus Grasser. Maruskatänzer. München, Alter Rathaussaal" und – über dem laufenden Textsatz – die Stichworte "Erasmus Grasser" und "Bürgerlicher Realismus" als übergeordnete Hinweise für den Leser eingebunden hat.