Erasmus Grasser

Eine Dokumentation 
zusammengestellt von Frau Dr. Brandl-Ziegert, StDin am Erasmus-Grasser-Gymnasium München, 
anläßlich einer Ausstellung im Erasmus-Grasser-Gymnasium München

Überblick über Leben und Werk Erasmus Grassers

Erasmus Grasser, der Meister der Morisken 
Erasmus Grasser, der Sakralbildhauer
Erasmus Grasser, der Bau- und Werkmeister 

Erasmus-Grasser – Leben und Werk
Um 1450 Geburt Erasmus Grassers, vermutlich in Schmidmühlen bei  Burglengenfeld (Oberpfalz)
Bis 1473 Lehr- und Wanderjahre (Grasser lernt die Werke des Nikolaus  Gerhaert von Leyden kennen.) 
Um 1477 Heirat mit Dorothea Kaltenprunner 
1475 Erste urkundliche Erwähnung Erasmus Grassers  in München!  Nach Antrag Grassers um Zulassung zur Meisterschaft und Befreiung von Wachtgeld  und Steuern wehrt sich die Münchner Zunft der Maler, Schnitzer, Seidennäher und  Glaser gegen seine Aufnahme, Erasmus sei ein „vnfridlicher, verworner und  arcklistiger Knecht“! 
1477 – 1480 Erasmus Grasser - bereits als Meister etabliert - schnitzt im  Auftrag der Stadt 11 Wappen, die Gestirne Sonne und Mond und 16 Morisken für das  alte Rathaus. 
Am 14. August 1480 erhält Erasmus Grassser für seine  Arbeit 150 Pfund und 4 Schillinge (Stadtkammerrechnung). 
1480  Erasmus Grasser steht zum ersten Mal der  Zunft vor. 
1482  Er signiert und datiert das Rotmarmorgrabmal Ulrich  Aresingers in der Peterskirche zu München. 
Um 1482  Der Heilig-Kreuz-Altar für die Pfarrkirche München Ramersdorf  entsteht. 
1487 Erasmus Grasser plant das Kloster Mariaberg  bei St. Gallen am Bodensee. 
1492  Kaiser Maximilian I. stellt einen Geleitbrief für Grasser nach  Schwaz / Tirol aus, damit er die dortige Stadtpfarrkirche erweitere.
1493  Grasser arbeitet an sieben Sandsteinfiguren  für das Heilige Grab im Freisinger Dom. 
1494  Grasser trägt in das Buch „Schatzbehalter“  handschriftlich seinen Namen ein. (Heute in der Münchner Staatsbibliothek) 
1498 - 1512  Grasser ist mit der Sanierung der Saline Reichenhall beschäftigt.  
Um 1500  Grasser arbeitet an der Sitzfigur des Heiligen Petrus für den  Hochaltar in der Münchner Peterskirche.
Um 1502  In Grassers Werkstatt werden Figuren für das Chorgestühl in der  Münchner Frauenkirche geschnitzt. 
Um 1505  Für Reichersdorf / Miesbach schafft Erasmus den Achatius-Altar. 
1507  Herzog Albrecht IV. nennt E. Grasser  „obristen paw- vnnd werchmaister vnnsers Salczpronns zu Reichenhall“ und stiftet ihm für sparsames Haushalten beim Salinenbau eine jährliche Leibrente von 80  Gulden, freies Hofkleid und Freitisch bei Hof. 
1508  Grasser versteuert als reichster Künstler  Münchens ein hohes Einkommen und muss – wohl auch auf Grund seiner Heirat – als einer der wohlhabendsten Bürger Münchens gelten.  Er besitzt in der vorderen Schwabinger Gasse ein Haus. (Eckhaus Residenzstraße / Perusastraße, das jetzige „Zechbauer-Haus“). 
1512 –1518  Erasmus Grasser ist als angesehener und einflussreicher Bürger Mitglied des Äußeren Rates der Stadt München. 
1518  Tod Erasmus Grassers in München.

Erasmus Grasser, der Meister der Morisken
Erasmus Grassers bekanntestes Werk sind die Moriskentänzer

Der Begriff „Morisken“ bedeutet ursprünglich „christianisierte Mauren“ in Spanien. Der Morikentanz stammt aus diesem Land und kam vermutlich über Burgund nach Süddeutschland. Er war im 14./15. Jahrhundert eine Art Tanzspiel, bei dem einige auffällig kostümierte Tänzer in übertriebener Form (bei Musikbegleitung durch Trommel und Flöte) mit allerlei improvisierten Hüpf-, Spring- und Verrenkungsbewegungen eine Frau „umtanzten“, die als Siegespreis entweder einen Apfel oder einen Ring hielt. Schließlich wurde der auffälligste, bizarrste Tänzer erkoren. 
Die Stadt München errichtete ab 1470 im Zuge der zunehmenden Eigenverantwortung und auch Macht ein neues Rathaus mit einem großen Tanzsaal, der sowohl dem herzoglichen Hof, als auch den gehobenen Bürgerschichten für Feste zur Verfügung stand. Für dieses Münchner „ Tanzhaus“ ,das heutige Alte Rathaus, schuf Erasmus Grasser 16 Figuren des Moriskentanzes aus Lindenholz mit Fassung in der Größe zwischen 61cm und 81,5 cm. 

Zur weiteren Ausstattung des Münchner Tanzhauses hatte Erasmus Grasser schon vor 1477 eine „Sonne“, den „Mond“ und 11 Wappenschilde geschaffen (darunter ein großes Wappen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, zwei Stadtwappen von München), von denen 6 oder 7 die Territorien vertreten, die Kaiser Ludwig der Bayer (1324-1350) beherrscht hatte, 4 oder 5 den Dynastien zugehören, mit denen der zur Zeit Grassers regierende Herzog Albrecht IV. verwandt war. 

Bei der Frage nach der politischen Bedeutung der Ausstattung für das Tanzhaus kommt man neuerdings zu der These, dass der Festsaal der Welt zeigen wollte, dass München –wie zur Zeit Kaiser Ludwigs des Bayern – würdig sei, mit einem bayerischen Herzog als Kaiser erneut Hauptstadt des Reiches zu werden. „Und mit Grassers Figurengruppe der „Moriskentänzer“, einem absoluten Novum, präsentierte sich München als weltoffen, modern und kulturell leistungsfähig.“ (Rohmeder, S. 156) 

Nach einem Eintrag im Münchner Stadtkammerbuch vom 14. August 1480 wurde Erasmus Grasser für „16 pilden maruscka tanntz“ bezahlt. Die fehlenden Figuren stellten vermutlich die umworbene Dame mit Apfel oder Ring dar, einen Pfeifer mit Trommel oder Flöte, vielleicht die Planeten Merkur, Mars, Saturn und Jupiter oder auch Zuschauer – in Frage kämen Mitglieder des Herrscherhauses. Die zehn noch existierenden Figuren standen an den Ansatzpunkten der Gewölbegrate in etwa sechs Metern Höhe (durch diese deutliche „Untersicht“ bedingt haben die Figuren auffallend große Köpfe und Hände).
Die Standorte der sechs verloren gegangenen Figuren sind nicht mehr bekannt. Heute stehen die zehn noch vorhandenen Original-Figuren im Münchner Stadtmuseum und werden - nach neuester Forschung – folgendermaßen genannt: 

- Turban (Figur mit kleinem Turban)
- Mohr 
- Langmähniger (auch Hochzeiter) 
- Agraffenmütze (Figur mit Kegelmütze) 
- Frauenhut (Figur mit wagenradartiger Krempe) 
- Schildkappe (Figur mit banddurchzogender Schildkappe, auch Prophet genannt) 
- Stulpenstiefel (auch Bauer) 
- Jagdhut (Figur mit jagdhutähnlicher Kopfbedeckung) 
- Löwenmütze (Figur mit löwenbesetzter Mütze) 
- Perlenmütze (Figur mit Hochmütze) 

Die Moriskentänzer Erasmus Grassers sind kunstgeschichtlich-inhaltlich (a) und in ihrer Gestaltung (b) äußerst bemerkenswert: 

a)  Die Figuren gehören zu den ersten profanen plastischen Darstellungen des späten Mittelalters, das ja in der Kunst sehr stark religiös bestimmt war. Bei den einzelnen Figuren ist außerdem ein fast komisch wirkendes Zusammengehen der dargestellten Personen (ihrer Gestalten, Gesichter und Haltungen) mit ihrer Ausstaffierung (Frisuren, Kleidung, Kopfbedeckung, Accessoires...) zu beobachten. 
Dabei hat Erasmus Grasser (er war damals erst ca. 25 Jahre alt!) einen unglaublichen Reichtum an Einzelheiten (Physiognomien, Frisuren, Bärten, Händen, Mimik, Gestik, Bewegungen und Schuhen, Kleidungsstücken, Bändern, Kopfbedeckungen, Schellen, Knöpfen...) geschaffen.

b)  Auffallend ist die „offene“, bewegte Gestaltung der Figuren: Nicht Volumina (geschlossene Körper) prägen den Raum/Körper, sondern schlanke Elemente (dünne Körper, Beine, Arme Köpfe...) beherrschen dynamisch durch hauptsächlich schräge Richtungen ihren „Raum“. 

Dies wird „Stil der verschränkten Bewegung“ genannt: 
„Die Beine sind voreinander gekreuzt; der Oberkörper ist vornüber gebeugt oder zurückgeworfen und dreht sich zugleich seitwärts; die Schultern sind gegeneinander versetzt: während die eine angehoben ist, senkt sich die andere. Die Drehung setzt sich fort in der Haltung des Kopfes, sei es, dass er die Drehung des Oberkörpers weiterführt, sei es, dass er sich zurückwendet Auch die Arme haben daran Anteil, sie sind angewinkelt oder greifen nach den verschiedensten Seiten aus. Immer entsteht eine die ganze Gestalt erfassende Drehbewegung.“(Müller-Meinigen 1984, S. 50)

Die Moriskentänzer Erasmus Grassers stellen somit ein großartiges kunstgeschichtliches Werk-Ensemble dar, das wohl einzigartig ist und durch die meisterhafte Gestaltung einen unschätzbaren Wert und Besitz für München darstellt.

Erasmus Grasser, der Sakralbildhauer

Erasmus Grassers Wirken als Sakralbildhauer ist in München und Umgebung an vielen Orten nachzuspüren. 

In der Münchner St. Peterskirche befindet sich im Innenraum an der östlichen Turmwand ein Grabmal aus Rotmarmor für den Dekan Dr. Ulrich Aresinger. Dieses Aresingerepitaph -ein Werk von hoher künstlerischer Qualität - stellt im unteren Bereich den Auftraggeber , einen hohen und geehrten Geistlichen, im Gebet dar, darüber die heilige Katharina, Patronin der Gelehrten, im Gespräch mit dem heiligen Petrus. Als einziges Werk Grassers enthält dieses Wandrelief eine Inschrift: „Den stain hat gehauen Maister Erasm grasser 1482.“ 

Für dieselbe Peterskirche war Erasmus Grasser mit der Errichtung des Hochaltars betraut und hat hierfür – um 1500 – die überlebensgroße, sitzende Petrusfigur geschaffen. Obwohl der spätgotische Hochaltar im Rahmen einer umfassenden Barockisierung der Kirche im 18. Jahrhundert durch eine grandiose Hochaltarkomposition ersetzt wurde (wahrscheinlich durch Egid Quirin Asam), blieb Grassers Petrusfigur – mit einer Tiara versehen – wohl auf Grund ihrer großartigen Gestaltung und der geistigen und gestalterischen Verwandtschaft – erhalten. Sie strahlt heute noch „Ruhe, Autorität und Glaubensstärke“ (Rohmeder, S. 237) in den Kirchenraum aus.
 
Das Chorgestühl in der Münchner Frauenkirche ist ein Werk Erasmus Grassers, das in der Zeit um 1502 vollendet wurde. Von den ursprünglich 170 figürlichen Teilen sind 128 erhalten oder dokumentiert und seit einigen Jahren neu präsentiert: - die Halbfigur eines Malweisenden Erlösers (Propststuhl) - 2 mal 20 halbfigurige Dorsalbüsten (Männer des Alten Testaments, Evangelisten, Apostel, Kirchenväter und Kirchenpatrone). Diese Teile stammen aus Erasmus Grassers persönlicher Hand, aus seiner Werkstatt die übrigen und die ganzfigurigen Reliefs (Päpste, Bischöfe) und männlichen und weiblichen Statuetten. Ähnlichkeiten zwischen den Figuren des Chorgestühls und den Morisken, auch der besondere männliche Kopftyp weisen auf Grassers Künstlerschaft hin. „Grasser erfüllte den mutmaßlichen Auftrag, die Männer des Alten Testaments und die Heiligen in Dialogen darzustellen, mit Einfallsreichtum, Menschlichkeit und Leben auf einer hohen künstlerischen Ebene.“ (Rohmeder, S. 260) 

Die Pfarrkirche in München-Ramersdorf beherbergt einen kleinen Altar, den Heilig-Kreuz-Altar , den Erasmus Grasser um 1482 geschaffen hat. Die Kreuzreliquie, die Kaiser Ludwig der Bayer vom Papst erhalten hatte und in der Ramersdorfer Kirche niedergelegt wurde, war Gegenstand einer der bedeutendsten Wallfahrten in Süddeutschland. 
In dem Flügelaltar erzählt Erasmus Grasser die Passion Christi: “Es wird laut geklagt, geweint, diskutiert, gestritten und durcheinandergeredet, den Tod Christi am Kreuz damit um so schärfer als einsames welche Christus begleiten, sind in Gestik, Mimik und ausgeprägte körperliche Bewegung umgesetzt. Unbekümmert um die richtige Reihenfolge der Szenen der Passion Christi dem Evangelium entsprechend treten die Nebenszenen auf: auf dem Relief mit der „Geißelung“ zwei Nebenszenen, auf den übrigen Reliefs je eine, diese bis auf die im Relief dargestellte Dornenkrönung im kleinsten Maßstab gemalt“. (Rohmeder. S. 210f.) 

Für den Betrachter aus nächster Nähe gibt es vieles zu entdecken! Im Münchner Nationalmuseum kann man folgende Werke Grassers sehen: 

- das Monstranzaltärchen , das der Meister vor 1480 für das Klarissenkloster St. Jakob im Anger schuf, 
- die beiden Standfiguren Maria und Johannes Evangelist aus einer Kreuzigungsgruppe für die Kirche von Pipping 
        bei München, 
- die Standfigur des Heiligen Andreas aus der Zeit um 1500.
 
Außerhalb Münchens befinden sich Erasmus Grassers Werke

- im Freisinger Dom, die sieben Halbfiguren des Heiligen Grabes, 
- in Salzburg, ursprünglich im Dom , jetzt im Nonnberg-Kloster, die Figurengruppe „Ausgießung des heiligen Geistes“ (vor   1480 datiert !), 
- in den Staatlichen Museen zu Berlin die Doppelfigur des Malweisenden Erlösers, 
- in Burghausen zwei Reliefs mit Szenen aus der Legendes des heiligen Kreuzes, 
- in Finsing/Landkreis Erding die Sitzfigur eines Heiligen Königs, 
- in Reichersdorf/Landkreis Miesbach der Achatius-Altar in der Kirche St. Leonhard, 
- in Schliersee/Landkreis Miesbach in der Pfarrkirche St. Sixtus der Gnadenstuhl aus der Jahrhundertwende, 
- in Berchtesgaden, Schlossmuseum,  die Standfigur des Heiligen Georg als Drachentöter, nach der Jahrhundertwerde          datiert, 
- in Kelheim das Vesperbild in der Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt, vor 1500 datiert, 
- in Kleinhelfendorf/Landkreis Aying die Sitzfigur des Heiligen Emmeram im Hochaltar, 
- in Katzdorf/Landkreis Schwandorf das Vesperbild aus dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, 
- in Cambridge, Massachusetts/USA eine Heiligenfigur im Busch-Reisinger Museum. 

Die hier vorgestellten Sakralbildwerke Erasmus Grassers zählen zu den eigenhändigen Werken des Meisters, zu denen von überragender künstlerischer Qualität: 
- das Monstranzaltärchen (Nationalmuseum) 
- die Ausgießung des Heiligen Geistes aus dem Salzburger Dom 
- die Standfiguren der Maria und des Johannes aus München-Pipping 
- das Aresinger-Epitaph 
- der Heilig-Kreuz-Altar in München-Ramersdorf 
- der Heilige Petrus aus dem Hochaltar von St. Peter in München 
- das Chorgestühl der Münchner Frauenkirche.


Natürlich gehören zu den hochrangigen „Referenzwerken“ auch die elf Wappenschilde, Sonne und Mond und vor allen die Moriskentänzer für das Münchner Tanzhaus. 
Neben den eigenhändigen Werken Erasmus Grassers gibt es selbstverständlich eine Reihe von bedeutenden „Werkstattarbeiten“ und „Schulwerken“, deren Behandlung den Rahmen unserer Dokumentation aber sprengen würde.

Erasmus Grasser, der Bau- und Werkmeister

Erasmus Grasser ist nicht nur der berühmte Moriskenschnitzer und beeindruckende Sakralbildhauer, sondern auch ein gefragter Konstrukteur, Bau- und Werkmeister seiner Zeit:
 
- In den achtziger Jahren arbeitet Erasmus Grasser am Bau der Klosters Mariaberg in Rorschach bei St. Gallen 
- Um 1492 erweitert er die Pfarrkirche Unser Lieben Frauen Himmelfahrt in Schwaz/Tirol
- Zwischen 1498 und 1512 ist er mit der Sanierung der herzoglichen Saline von Reichenhall beschäftigt

1. Der Klosterbaumeister: Mariaberg/Schweiz 

Um 1484 beauftragt der bekannte St.Galler Fürstabt und Landesherr Ulrich Rösch Erasmus Grasser mit der Planung des Klosters Mariaberg in Rorschach am Bodensee. Grasser erarbeitet daraufhin Aufriss und Bauplan., „vissierung und monstry“, wie die Quellen berichten. Bei der Grundsteinlegung im Jahr 1487 loben die Chronisten am berühmten Künstler und Werkmeister aus Bayern den Sachverstand, die Erfahrung und seinen guten Ruf und huldigen „meister Erasmus Grasser,...der alle ding wol und ordentlich angeschieret.“ (Halm, S. 89)Wenn uns auch über die Ausführung des Klosterbaus keine Nachrichten vorliegen , so wissen wir doch, dass Erasmus Grasser mehrmals in Rorschach persönlich anwesend war, um als leitender Architekt mit örtlichen Baumeistern zusammenzuarbeiten. . Für seine Bautätigkeit erhält Grasser vom Kloster St. Gallen - urkundlich belegt- erhebliche Zahlungen.
 
Mariaberg hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich und ist heute ein Kantonales Lehrerseminar. Was am heutigen Baubestand noch auf Grasser zurückgeht, ist in der Grasser-Forschung umstritten. Dennoch empfindet ein dortiger Kunsthistoriker: „Aber Mariaberg ist von einem schöpferischen Geist durchweht – wohl eben Erasmus Grasser.“

2. Der Kirchenbaumeister: Schwaz/Tirol 

Im Jahre 1492 erhält Erasmus Grasser den Auftrag, die Stadtpfarrkirche Unser Lieben Frauen Himmelfahrt in Schwaz/Tirol zu erweitern. Der blühende Silberbergbau hat die Bevölkerungszahl ansteigen und die Kirche zu klein werden lassen. Ein Geleitbrief Kaiser Maximilians I. für „vunnserm vnd des reichs getrewen Asm (=Erasmus) pildhawer von München werckmaister vnnser lieben frawen zu Swats“ (Halm, S. 108) vom 24. Mai 1492 legt die Grundlage dafür, dass E. Grasser unter kaiserlichem Schutz sicher und unbehelligt von München nach Tirol reisen kann, um den Kirchenbau in Schwaz zu betreuen. Eintragungen in das Raitbuch (Rechnungbuch) der Schwazer Pfarrkirche belegen die 
Tätigkeit des Kirchenbaumeiters, wenn sie eine Reihe von Zahlungen an „maister Asm (=Erasmus) von munichn für sein mue vnd fur sein lonn“ (Halm, S.10) verzeichnen. 
Noch 1503 reist dieser nach Innsbruck, um die für Schwaz bestimmte neue große Glocke „Maximiliana“ von Peter Löffler zu begutachten.
 
Wie geht nun der Kirchenbaumeister ans Werk? 
Grasser verbreitert die dreischiffige Hallenkirche um eine viertes, südliches Kirchenschiff, baut einen zweiten Chor hinzu und verlängert das Langhaus nach Westen. Die Westfassade bekommt zwei Portale, Zinnentürme und eine kunstvoll gegliederte Außenansicht, die dem alten Münchner Tanz- und Rathaus verblüffend ähnlich sieht, dem Aufstellungsort der Morisken. Durch Erweiterung und Abtrennung des Kirchenraumes löst Erasmus Grasser nicht nur ein technisches, sondern meisterlich auch ein soziales Problem: Die streng sich voneinander abgrenzenden gesellschaftlichen Gruppen Bürgerschaft und Knappschaft erhalten nach ihrem Wunsch eine eigene Kirche!

3. Der Salinenbaumeister: Reichenhall 

Im Zeitraum zwischen 1498 und 1512 ist Erasmus Grasser mit der schwierigen Aufgabe betraut, die herzogliche Saline Reichenhall zu sanieren. In den veralteten Anlagen lohnte sich die Salzgewinnung nicht mehr, wenn nicht modernisiert und vor allem ein Mangel behoben werden konnte, der darin bestand, dass Süßwasser die Sole in dem hölzernen Brunnenschacht zu stark verdünnte. Als Hauptsachverständiger für den Wasserbau nimmt Erasmus Grasser die Arbeit auf, leitet „Expertenkommissionen“, schlägt detaillierte Baumaßnahmen vor und wird 1507 vom Herzog „Erster Bau- und Werkmeister des Salzbrunnens von Reichenhall“ genannt. 
Nach Grassers Plänen und unter seiner Aufsicht werden gebaut: 

- Die gesamte Brunnenanlage mit vertieftem Schacht, einem Kanal und einer Mauer, um das Süßwasser abzufangen, das die Sole verdünnte. 
- Ein völlig neues Schöpfwerk. 
- Das vierstöckige, neuartige, da erstmals über dem Brunnenschacht abgeschlossene Brunnenhaus und die Brunnenhauskapelle. 

Die Grasserschen Hochbauten in der Saline Reichenhall werden 1834 durch einen Stadtbrand zerstört, erhalten bleibt nur bis zum heutigen Tage eine Inschriftentafel- schöne Minuskeln auf Rotmarmor – mit besonderer Würdigung Erasmus Grassers. Alte, handgezeichnete Pläne und Bilder, allen voran die des Salinenzeichners Johann Josef Zeller, können uns noch eine Vorstellung vermitteln von der Lage und dem Aussehen der Salinenbauten. Umfangreiches Quellenmaterial aus den Jahren 1498 bis 1502 belegt die Tätigkeit des Salinenbaumeisters. 
Im Jahr 1512 legt Grasser einen ausführlichen Abschlussbericht vor und weist auf die Ersetzung des alten Paternosterwerks durch eine Neukonstruktion hin.
 
Wie funktioniert nun dieses neue Schöpfwerk? 
„Grasser entwickelte drei (später auf fünf erweitert) parallele, über eine gezapfte Antriebswalze und durch bronzene Steigrohre laufende Kettensysteme, deren eingebaute, wie Kolben wirkende Lederpauschen die Sole nach oben hoben. Über einen Verteilerkasten und weitere Rohrleitungen gelangte die Sole dann in die Siedehäuser. Der Antrieb erfolgte, wie schon beim alten Werk, durch Schlagwasser aus dem Alpgartenbach, doch floss das Wasser jetzt im letzten Teil der Leitung durch einen neu angelegten, 140 m langen unterirdischen Kanal, steil den Burgberg herab.“ (Pfisterer, S. 189f.) 
Wenn auch Kanal und Mauer die sog.„wilden“(=süßen) Bäche“ nicht gänzlich abzuhalten vermögen und weitere Maßnahmen nötig werden, so muss Grassers Bautätigkeit auf diesem Gebiet dennoch als wesentlicher technischer Fortschritt angesehen werden. Auch das Schöpfwerk, das uns in einem Bild des Salinenzeichners Zeller überliefert ist, stellt eine entscheidende Verbesserung dar und bleibt – trotz späterer Modernisierungsversuche – bis ins 19. Jahrhundert hinein im Wesentlichen so erhalten und funktionstüchtig. Schließlich geht es in die Technikgeschichte ein als das Grassersche Hebesystem, auch Grassersches Paternosterwerk genannt. Neben seiner Aufgabe in Reichenhall ist Erasmus Grasser wahrscheinlich auch als Baumeister in den Diensten des Klosters Tegernsee tätig, als Brunnenbauer beim Kloster Weyarn und an anderen Orten.

Quellen:

Halm, Philipp Maria: 
Erasmus Grasser, Augsburg 1928 
Müller-Meiningen, Johanna:
 

Die Moriskentänzer und andere Arbeiten des Erasmus Grasser für das Alte Rathaus in München, München-Zürich 1984 
Pfisterer, Herbert: 
Bad Reichenhall in seiner bayerischen Geschichte, München 1982(2) 
Rohmeder, Jürgen:
Erasmus Grasser, Bildhauer, Bau- und Werkmeister, Bern 2003